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nivellierung der geschlechterdifferenzen - zwei einwände
wer sich heutzutage in sachen „geschlechterfragen“ allzu unbekümmert gibt, riskiert mitunter aus berufenem munde der verbreitung überkommener klischees bezichtigt zu werden.

mann und frau sollen längst nicht mehr einfach mann und frau „sein“. die idee fluider geschlechtlichkeit (judith butler) legt beispielsweise nahe, sich beim morgendlichen blick in den spiegel nicht nur zu fragen: „bin das wirklich ich?“, sondern auch: „welches geschlecht habe ich eigentlich heute?“. und die konsequenz, die aus der seit den 1980er jahren währenden debatte um künstlichkeit und soziale konstruiertheit der dualen geschlechterordnung zu ziehen ist, kann letztlich nur die umsetzung eines ideals „geschlechtsneutraler gesellschaft“ (norbert bolz) sein.

in der realisierung dieses ideals, so muß vermutet werden, gründet dann auch die motivation gendertheoretisch versierter personen, geschlechtstereotype anspielungen der interaktionspartner zurückzuweisen und zu kritisieren: mithin also der versuch (die versuchung?) „undoing gender“ (stefan hirschauer) zu betreiben.

gegen eine derartige transformation theoretischer einsichten in alltagspraxis, also dem, wie hier vermutet wird, kaum reflektierten ansinnen einer nivellierung von geschlechterdifferenzen, lassen sich zumindest zwei einwände formulieren.

einerseits finden sich gegenwärtig in den feuilletons namhafter zeitungen auffallend häufig texte ebenso namhafter autoren, die das verschwinden eines als natürlich behaupteten männlichen machismo beziehungsweise eines weiblichen sexappeals bedauern. ganz im stile von verschwörungstheorien beklagte etwa kürzlich der kommunikationswissenschaftler norbert bolz in der „frankfurter allgemeinen sonntagszeitung“ eine staatlich sanktionierte „umerziehung“ insbesondere des mannes. im bevölkerungspolitischen kampf gegen den demographischen wandel, werde, so bolz, versucht, den mann vom jäger zum softie umzufunktionieren und ihn seiner männlichkeit zu berauben. so tauge schließlich auch dieser zur kinderbetreuung während die zeitlich freigestellte frau dem arbeitsmarkt zur verfügung stehen könne. der preis für die von bolz unterstellte systematische angleichung der geschlechterrollen mit dem ziel mehr nachwuchs möglich zu machen ist hoch: die doch eigentlich gut funktionierende geschlechterdifferenz werde zunehmend zersetzt.

der einspruch gegen die abschaffung der geschlechterunterschiede läßt sich andererseits freilich auch sachlicher und plausibler zumindest aber eleganter herleiten. dabei muß gar nicht bestritten werden, daß die den geschlechtern jeweils zugewiesenen attribute keineswegs naturgegeben, sondern eigentlich „nur“ sozial konstuiert sind. die rede ist hier von den sozialtheorien, die mit den namen niklas luhmanns (soziologische systemtheorie) oder auch peter l. bergers und thomas luckmanns (sozialkonstruktivismus) verbunden sind. das problem binärer geschlechterordnung wird hier einer sehr allgemeinen frage subsumiert: „wie ist soziale ordnung möglich?“ (niklas luhmann). als zentrales hindernis des sozialen an sich identifiziert luhmann den ursprünglichen zustand der hyperkomplexität, die reduziert werden muß, damit soziale zusammenhänge überhaupt zustande kommen können. kurz gefaßt: damit es zu fortgesetzter interaktion zwischen personen, die die eigentlichen intentionen ihres gegenübers nicht kennen, kommen kann, sind erwartungen nötig, die nicht ständig enttäuscht werden dürfen. der rekurs auf geschlechterstereotype erleichtert somit das zustandekommen von kommunikation. im umkehrschluß erschwert wird kommunikation dann durch ein zuviel an kontingenz. dies wäre unter umständen dann der fall, wenn simplifizierende vorurteile über man oder frau nicht mehr brauchbar sind.


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  2006-09· R. Winkler ·E-Mailemail senden