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Wahnsinn und (postmoderne) Gesellschaft
Ein aktueller Fall: Ein junger Mann, wohnhaft in einer Obdachlosenwohnung in Wien, wird mit blutverschmiertem Mund angetroffen. Wie sich herausstellt, hatte er hinterrücks seinen Mitbewohner erschlagen und offenbar Teile des Leichnams verzehrt – auf einem Teller in der Küche finden sich noch Überreste von Zunge und Hirn des Opfers. Bald wird bekannt, dass der Täter schon in früher Jugend auffällig geworden war und, nachdem er Symptome einer paranoiden Schizophrenie gezeigt hatte, in psychiatrischen Anstalten untergebracht wurde.

In gewohnter Prägnanz hatte die Boulevardpresse das Vorkommnis schnell zusammengefasst: Der „Kannibale von Wien“, Sonderling und Konsument harter Drogen. Eine explodierte „Zeitbombe“, die zu entschärfen die Verantwortlichen versäumt hätten: Mensch und Wahn – eine unberechenbare Einheit, der die zu schützende Gesellschaft gegenübersteht.

Die Wissenschaft leistet sich hier eine differenziertere Betrachtungsweise. Notwendig bemüht, sich von simplen, alltagsweltlichen Erklärungen abzugrenzen, werden gleich drei Faktoren identifiziert, die zusammenwirken müssen, damit aus einem „normalen“ Menschen eine „abnorme Persönlichkeit“ werden kann. Demnach haben neben eine entsprechende genetische sowie physiologische Disposition auch bestimmte soziale Umstände hinzuzukommen. Doch auch diese wissenschaftliche Sicht der Dinge ist keinesfalls unangreifbar. Insbesondere der Einfluss des Sozialen auf die Entstehung von Wahnsinn wird zumeist nur behauptet, aber selten eingehender ausgeführt und belegt. Inwiefern, so ist daher nachzufragen, können soziale Zusammenhänge den Menschen verrückt machen? Oder aber: Gibt es eine gesellschaftliche Mitschuld daran, dass ein junger Mann zum Kannibalen wird?

Die wissenschaftliche Erforschung der Wechselwirkungen zwischen Individuum und Gesellschaft kommt neben der Sozialpsychologie (als Teildisziplin sowohl der Soziologie als auch der Psychologie) insbesondere der Philosophie zu (vom Nachspüren nach etwaig vorhandenen theologischen Bezügen zum Thema wird an dieser Stelle abgesehen). Stellvertretend für die Philosophie lassen sich zur Beantwortung der offenen Frage nach der Verantwortung der Gesellschaft für das Phänomen der Verrücktheit die diesbezüglichen Ausführungen des französischen Historikers und Philosophen Michel Foucault heranziehen. Mit Foucault ist die soziale Aussonderung des Verrückten, wie sie im Falle des „Kannibalen von Wien“ beispielhaft vorexerziert wird, als ein Mittel zur Selbstbestätigung moderner gesellschaftlicher Ordnung zu verstehen.

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