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(Wahnsinn und postmoderne Gesellschaft, Teil 2)
Die Gesellschaft fundiert ihre Konventionen, Normen und Regeln in Abgrenzung zum Anormalen. Die Bestimmung dessen, was als verrückt, also mit der Gesellschaft nicht konform zu gelten hat, unterliegt dem gesellschaftlichen Diskurs. Somit beruht die Diagnose, die dem Patienten Wahnsinn attestiert und in der Folge in seiner Freiheit beschränkt, letztendlich auf einem kontingenten, sozialen Konstrukt. Foucault kritisiert diese „andere Art des Wahnsinns“ mit einem Zitat Dostojewskis: „Man wird sich seinen eigenen gesunden Menschenverstand nicht dadurch beweisen können, dass man seinen Nachbarn einsperrt.“ Für den seltenen Fall, dass der schizophrene Nachbar einem nach dem Leben trachtet, ist diese Aussage allerdings unbefriedigend. Doch auch die Tat des psychisch Gestörten, die von der gesellschaftlichen Verurteilung als verrückt zu trennen ist, sieht Foucault in der „gegenwärtigen Welt“ begründet. Es ist der „reale Konflikt der Existenzbedingungen“, die den Menschen entfremdet und in die „Paradoxe der schizophrenen Welt“ treibt. Damit ist der „schwarze Peter“ endgültig den herrschenden gesellschaftlichen Umständen zugewiesen. Nicht die Isolation und Medikation, nur die (revolutionäre) Umwälzung der Machtverhältnisse kann die Wahnsinnstat verhindern und die Stimmen im Kopf zum Schweigen bringen.

Auch der Sozialpsychologe Klaus Leferink vermutet, dass der Schizophrene als Medium dient. Im Unterschied zu Foucault fungiert er aber nicht als Mittel zum Zweck der Absicherung bestehender Ordnung, sondern zur Selbstdeutung der Gesellschaft. Eine Pluralisierung der Lebensformen und (also) die Partikularisierung des Sozialverbandes gelten als die Charakteristika der gegenwärtigen, oft als postmodern bezeichneten Gesellschaft. Hierin sieht Leferink Analogien zum Krankheitsbild des Psychotikers. Während einerseits der Kranke im akuten Stadium an einem Sinnverlust leide, so „kokettiere“ andererseits die Postmoderne „bewusst mit dem Unsinnigen“. Nicht nur Ablehnung und Mitschuld, auch Sympathie und Identifikation seien daher kennzeichnend für den gegenwärtigen gesellschaftlichen Umgang mit der Schizophrenie. Leferink: „Alle sind Abweichende, Unnormalität wird zum Normalfall, die Individuen bilden eine Gemeinschaft der Sonderlinge, die ihren abweichenden und unglücklichen Status mitunter aggressiv verteidigen.“

Doch sind wirklich alle schon so irre, dass der Menschenfresser gar nicht mehr auffällt? Vielleicht ist in Fragen von Wahnsinn und Gesellschaft die Tagespresse dann doch der bessere Ratgeber. Zumindest wissen wir solange das Verzehren eines menschlichen Leichnams noch Schlagzeilen wert ist, dass die Welt für uns Normalverrückte noch halbwegs sicher ist, oder etwa nicht?

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Reimar Winkler (September 2007)
[erscheint unter gleichem Titel, in: kinder von vineta. abhängige studentInnenzeitung (wien/innsbruck),  im November 2007]


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